Alltag, Arbeit und Reha - Stefanie B. erzählt

5. Jun 2026

Lächelnde Frau mit Fahrradhelm ohne Helm, sitzt/steht auf einem Fahrrad in einem grünen Parkweg; unscharfer Hintergrund mit Bäumen und Gebäudefassade.
Wie lebt es sich mit Multipler Sklerose mitten im Berufsalltag, mit einem hohen Pensum und dem Anspruch, selbstbestimmt zu bleiben? Stefanie gibt einen persönlichen Einblick in ihren Alltag, ihren Umgang mit der Erkrankung sowie ihre Erfahrungen in der Reha Rheinfelden.

Stefanie ist 41 Jahre alt und lebt im Fricktal. Wer ihr begegnet, trifft auf einen fröhlichen, offenen und zielstrebigen Menschen. Sie beschreibt sich selbst als kontaktfreudig und ehrgeizig – wenn sie sich etwas vornimmt, verfolgt sie es konsequent. Gleichzeitig ist sie naturverbunden und liebt Tiere.

Ihr Alltag ist gut strukturiert und dicht gefüllt. Der Tag beginnt früh, meist gegen sechs Uhr. Nach der ersten Runde mit dem Hund und der Versorgung ihrer Tiere startet sie in den Arbeitstag. Stefanie arbeitet zu einem Pensum von über 90 Prozent als Heilpädagogin in der behinderungsspezifischen

Beratung. Sie unterstützt Regelschulen bei der Integration von Kindern mit kognitiven Beeinträchtigungen – eine Aufgabe, die Fachwissen, Flexibilität und viel Engagement verlangt.

Neben der Arbeit integriert sie regelmässig Therapien und Training in ihren Alltag, darunter Hippotherapie, Physiotherapie und Fitness. Trotz der hohen Belastung achtet sie bewusst darauf, sich Erholungsphasen zu gönnen. «Es ist wichtig, dass ich zwischendurch herunterfahren kann», sagt sie.

Ein langer Weg zur Klarheit

Rückblickend zeigen sich erste Anzeichen der Erkrankung bereits in der Jugend: häufiges Stolpern und ausgeprägte Müdigkeit. Die erste akute Episode erlebt sie mit 19 Jahren nach einem Autounfall. Am nächsten Morgen verschlechtert sich plötzlich ihre Sehkraft – ausgelöst durch eine Sehnerventzündung.

Die Diagnose bleibt zunächst unklar. Unterschiedliche ärztliche Einschätzungen verunsichern sie. «Ich wusste nicht wirklich, was MS bedeutet», erinnert sie sich. Schliesslich wird eine Chemotherapie eingeleitet – eine damals gängige Behandlung, da moderne Medikamente noch nicht verfügbar waren.

Die Therapie zeigt Wirkung, und über mehrere Jahre bleibt sie symptomfrei.

Erst Jahre später, während eines berufsbegleitenden Studiums, verschlechtern sich die Symptome deutlich. Ihr linkes Bein lässt sich kaum noch kontrollieren, das Gehen wird schwierig. Im Universitätsspital Basel erhält sie schliesslich eine klare Diagnose und beginnt eine gezielte Behandlung.

Leben mit Herausforderungen – und Lösungen

Heute ist es vor allem die Organisation des Alltags, die sie fordert. Sie ist mit Rollator und Dreirad unterwegs und muss viele Wege im Voraus planen – insbesondere bei Schulbesuchen, da viele Gebäude nicht barrierefrei sind.

«Ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt – das Team arbeitet unglaublich eng zusammen.»

Neben den körperlichen Einschränkungen erlebt sie auch unsichtbare Symptome wie starke Müdigkeit, gelegentliche Doppelbilder oder feinmotorische Schwierigkeiten. Hinzu kommt ein sogenannter Laryngospasmus, bei dem sich die Stimmbänder kurzzeitig verschliessen – für Aussenstehende oft ein beängstigender Moment.

Eine zusätzliche Belastung stellen administrative Hürden dar, insbesondere im Umgang mit Versicherungen. «Das kostet viel Energie, die ich eigentlich anders einsetzen möchte», sagt sie.

Bewusst leben – Schritt für Schritt

Die Erkrankung hat ihren Blick auf das Leben verändert. Stefanie lebt heute bewusster, achtet auf ihre Gesundheit und ihre Grenzen. Sie ernährt sich ausgewogen, verzichtet auf Alkohol und Rauchen und integriert regelmässig Bewegung und Achtsamkeit in ihren Alltag.

Strategien hat sie sich im Laufe der Zeit erarbeitet. Dazu gehört beispielsweise, direkte Sonne zu meiden oder Aktivitäten gezielt danach auszuwählen, ob sie ihr guttun. «Wenn mir etwas nicht guttut, macht es langfristig auch keinen Sinn», sagt sie.

Angst spielt für sie dabei keine zentrale Rolle. Stattdessen setzt sie auf Akzeptanz: «Es ist, wie es ist. Ich versuche, das Beste daraus zu machen.»

Unterstützung, die trägt

Eine wichtige Stütze ist für Stefanie ihr Partner. Gerade in der Phase der Krankheitsverarbeitung gibt er ihr Halt und Zuversicht. Darüber hinaus sind die therapeutischen Angebote für sie zentral geworden. Besonders die Hippotherapie hat ihre Rumpfstabilität und ihr Gleichgewicht deutlich verbessert. Zusammen mit Physiotherapie und regelmässigem Training im Fitnessstudio unterstützt sie Stefanie dabei, ihre Beweglichkeit und Muskelkraft im Alltag zu erhalten.

Die Reha als Wendepunkt

Zum ersten Mal nimmt sie an einer ambulanten Reha teil – acht Wochen lang, dreimal pro Woche. Das Angebot ist vielfältig: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, medizinische Trainingstherapie, Robotik und weitere spezialisierte Programme.

Besonders beeindruckt ist sie von der engen Zusammenarbeit im Behandlungsteam: «Alle sind vernetzt, tauschen sich aus und arbeiten gemeinsam an den gleichen Zielen.»

Sie fühlt sich umfassend betreut und ernst genommen. Die Reha im MS-Zentrum der Reha Rheinfelden erlebt sie als durchwegs positiv – sowohl fachlich als auch menschlich. «Ich war wirklich fasziniert und werde das sicher wieder machen», sagt sie.

Mit Zuversicht nach vorne

Trotz der Herausforderungen blickt sie optimistisch in die Zukunft. Sie arbeitet gerne, gestaltet ihr Leben aktiv und sieht aktuell keinen Grund, daran etwas grundlegend zu ändern.

Ihre Botschaft an andere Betroffene ist klar: «Versuchen Sie, das Beste aus der Situation zu machen. Eine positive Haltung hilft – auch im Umgang mit anderen Menschen.»

Rückblickend hätte sie sich zu Beginn mehr Informationen gewünscht – über den Verlauf der Krankheit, Therapien und den Umgang mit MS. Heute weiss sie, dass nicht alles planbar ist.

Ihre Reise mit MS beschreibt sie treffend als «Wundertüte »: Man weiss nie genau, was als Nächstes kommt – und muss lernen, es anzunehmen.

«Es braucht viel Organisation – aber ich mache meine Arbeit sehr gerne.»

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